DFG-Forschungsprojekte

DFG-Projekt Prof. Dr. Hildegund Keul, 2018-2028
https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/561309170

an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Katholisch-theologische Fakultät:

1. Verwundbarkeiten. Eine Heterologie der Inkarnation im Vulnerabilitätsdiskurs
2. Vulnerabilität, Vulneranz und Resilienz
NEU! 3. Vulnerabilität, Liminalität, Ritual – ein gesellschafts- und religionsrelevantes Machtgefüge

 

1. Projekt 2018–20212. Projekt 2021­–20253. Projekt 2025–2028

2018-2021: Verwundbarkeiten. Eine Heterologie der Inkarnation im Vulnerabilitätsdiskurs

„Vulnerabilität“ entwickelt sich seit etwa vierzig Jahren zu einem Schlüsselbegriff wissenschaftlicher Forschung, die gesellschaftsrelevant ist und interdisziplinäre Vernetzung erfordert. In Medizin und Ökologie sowie in der Erforschung von Armut, Migration und religionspolitischer Gewalt ist Verwundbarkeit ein entscheidendes Thema. Aber die christliche Theologie, die Wunden, Opfer und Leid zu ihren Kernthemen zählt, beteiligt sich erst seit kurzem an diesen Debatten. So entstanden gravierende Forschungsdefizite, denen sich das beantragte Projekt widmet. Hierzu transformiert es die innertheologische Thematisierung von Wunden in den Vulnerabilitätsdiskurs hinein und fokussiert die prekäre Macht von „Verwundbarkeiten“.
Methodisch arbeitet das Projekt mit der von Michel de Certeau initiierten „Heterologie“, die innertheologische Debatten einem nicht-theologischen Wissenschaftsdiskurs aussetzt. Die Analyse des Vulnerabilitätsdiskurses aus theologischer Sicht zeigt auf, dass die aktuellen Forschungen lediglich den Bereich des Profanen erfassen, wo das Handeln auf Schutz, Sicherheit und das Verringern der Verwundbarkeit zielt. Phänomene wie Selbstmordattentate, aber auch die alltägliche Opferbereitschaft von Menschen werden erst analysierbar, wenn man die Machtwirkungen des Heiligen einbezieht. Die Religionstheorie Georges Batailles erschließt diese Welt des Heiligen, wo Menschen, Staaten, Religionen bereit sind, ein Sacrifice zu bringen und Verwundbarkeit zu riskieren statt zu schützen.
Indem die Gewaltproblematik von Verwundbarkeit im Spannungsfeld von profan und heilig verortet wird, eröffnet sich der christlichen Inkarnationstheologie eine völlig neue Relevanz. Inkarnation offenbart sich als Praxis freiwilliger Verwundbarkeit, die auf die Verwundbarkeit der Anderen antwortet. Nicht nur Gott in der Menschwerdung, sondern auch Menschen sind bereit, ihre eigene Verwundbarkeit zu riskieren, um das Leben anderer Menschen, Kulturen und Religionen zu schützen und zu fördern. In dieses Problemfeld bringt das Forschungsprojekt die Analysen Michel de Certeaus ein und entwickelt eine christliche Antwort auf Judith Butlers Frage, was aus der Trauer um verlorenes Menschenleben Anderes entstehen kann als der Ruf nach Krieg. Die „Heterologie der Inkarnation“ macht das Riskieren eigener Vulnerabilität, das dem Leben dient, als Humanisierungsprozess deutlich: es ereignet sich, wo Humanität auf dem Spiel steht.
Die im Projekt geplante Zusammenführung von Vulnerabilitätsdiskurs und Inkarnations-theologie eröffnet wissenschaftliches Neuland. Sie erweitert und differenziert die Vulnerabilitätsforschung und lässt einen Erkenntnisgewinn von interdisziplinärer Relevanz erwarten. Die Forschungsergebnisse werden in einem Fachbuch und in weiteren Publikationen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Vulnerabilities: A Heterology of Incarnation in Vulnerability Discourse
Over the last thirty years, “vulnerability“ has become a key concept in academic research with great social relevance and needs an interdisciplinary network. In medicine and ecology, as well as in studies on poverty, migration and religio-political violence, vulnerability is a decisive topic. But Christian theology, which has included wounds, pain and suffering among its central themes for a long time has hardly participated in these debates until now. Its absence from the discourse generates a serious research deficit that this project presented here counteracts. To this end, it has to transform the theological thematization of wounds into the new discourse and bring the precarious power of “vulnerabilities” into focus.
With respect to method, the project works with the heterology initiated by Michel de Certeau, who launched the internal theological debates on non-theological academic discourse. The analysis of discourse on vulnerability from a theological perspective shows that current research only covers the field of the profane or secular, where action focuses on protection, safety, and decreasing vulnerability. Phenomena like suicide attacks and the ordinary willing-ness of people to sacrifice themselves can be analyzed only if the power effects of the Holy are researched. Georges Bataille’s theory of religion taps this world of the Holy, where people, states, and religions are prepared to make a sacrifice and to risk vulnerability instead of protecting it.
If the research project places the problem of violence regarding vulnerability in the field of tension between the profane and holy, it thus gives the Christian theology of incarnation a completely new relevance. Incarnation is revealed as the praxis of voluntary vulnerability that responds to the requirement to protect others. Not only God in his becoming flesh, but people as well are prepared to risk their own vulnerability to protect and to foster the lives of other people, cultures, and religions. This research project introduces into this area the analyses by Michel de Certeau and it develops a Christian answer to Judith Butler’s question as to what might be made of grief for a lost human life besides a cry for war. The “heterology of incarnation” makes clear that the risk of one’s own vulnerability, a risk that serves life, is a humanizing process: it occurs where humanity is at stake.
The merging of vulnerability discourse and incarnation theology opens up new territory. It widens and differentiates the research field considerably and promises a major gain in interdisciplinary relevance. The results of the project will be published in a book and in other publications to make them available to the academic public.

Fortsetzungsprojekt 2021­–2025 : Vulnerabilität, Vulneranz und Resilienz

Eine tragfähige Brücke zum Resilienzdiskurs
Das Fortsetzungsprojekt verfolgt als Hauptziel, die sakraltheoretischen und inkarnations-theologischen Erkenntnisse zu Vulnerabilität, Vulneranz und Selbstverschwendung, die die Forschung von 2018 bis 2021 erzielt hat, für den Resilienzdiskurs fruchtbar zu machen. Damit wird ein entscheidender Beitrag dazu geleistet, den Resilienzbegriff als wissenschaftlichen Analysebegriff zu schärfen. Eine solche Schärfung wirkt der gefährlichen, weil missbrauchsoffenen Tendenz, Resilienz unkritisch als „Zauberwort“ zu verwenden, entgegen. Das geplante Projekt baut eine längst fällige, tragfähige Brücke vom Vulnerabilitäts- zum aktuellen Resilienzdiskurs. Dabei wird zugleich die Chance genutzt, die Erkenntnisse, die das Vulnerabilitätsprojekt bislang gewonnen hat, in diesem gesellschaftsrelevanten Nachbardiskurs einer kritischen Prüfung zu unterziehen und neue Erkenntnisse vom Resilienz- zum Vulnerabilitätsdiskurs zu eruieren.
1. Den Brückenpfeiler theologische Vulnerabilitätsforschung stärken
Gewonnene Erkenntnisse werden in den Nachbardiskurs eingespeist. Dabei werden a) das freiwillige Riskieren von Verwundungen (Selbst-Sacrifice) sowie b) das vulnerante Verhalten in seiner Bedeutung (Victimisierung durch Fremd-Sacrifice) für die Resilienz erforscht; kann Resilienz auch durch Vulneranz (Verletzungsmacht) erzeugt werden?
2. Intensivierung des wissenschaftlichen Austauschs mit der Resilienzforschung
Resilienz ist statt eines „Zauberworts“ ein Analysebegriff, wenn die Forschung nicht nur nach Vulnerabilität und Resilienz fragt, sondern als dritte Kategorie die Vulneranz systematisch in ihre Analysen einbezieht. Diese neue Perspektive wird in die Resilienzforschung eingebracht.
3. Die Analyse von ‚Vulnerabilität, Vulneranz und Resilienz‘ für Überlebende von sexuellem und spirituellem Missbrauch nutzbar machen
Die Vulnerabilitäts- und Resilienzforschung hat im Blick auf sexuellen und spirituellen Missbrauch noch nicht ausreichend erforscht, was die Theologie dazu beitragen kann, die Resilienz von Überlebenden angesichts ihrer erhöhten Vulnerabilität zu stärken. Das Projekt erarbeitet hierzu erste Grundlagen.
4. Das Vulnerabilitätsdispositiv – theologische und interdisziplinäre Reflexion
Die weitere Entwicklung des Vulnerabilitätsdispositivs, das mit der Corona-Pandemie Aufschwung nahm, wird in seiner Bedeutung für die Verortung der Theologie in interdisziplinären Forschungskontexten eruiert.
5. Den Ansatz Georges Batailles für die Theologie fruchtbar machen
Deutschsprachige Theolog*innen, die in den letzten Jahren zu Bataille gearbeitet haben, werden mit der Frage zusammengeführt, was Bataille zum Themenkomplex ‚Theologie und Vulnerabilität‘ beizutragen hat und wo die Theologie über Bataille hinausgeht.

Prof. Dr. Hildegund Keul, Julius-Maximilians-Universität Würzburg:

Vulnerabilities: A Heterology of Incarnation in Vulnerability Discourse

– Follow-up Project –

Main Aim: A Viable Bridge to Resilience Discourse
The main objective of this follow-up project is to make the findings regarding vulnerability, vulnerance, and self-injury that were gained in religious theory and incarnation theology, which was the aim of my research in the last three years, fruitful for resilience discourse. This will make a crucial contribution to sharpening the concept of resilience as a scientific analytical concept. Such sharpening goes against the dangerous – because it is susceptible to misuse – tendency to use the term resilience in a non-critical way as a ‘catchword‘. The planned project builds a long overdue viable bridge from vulnerability discourse to current resilience discourse. Here the chance is also taken to subject the findings that have been gained so far in the vulnerability project to a critical examination in this socially relevant neighbouring discourse and to elicit new discoveries from resilience discourse to vulnerability discourse.
Sub-aims:
1. To reinforce the bridge piers of theological research on vulnerability
The findings gained will be injected into the neighbouring vulnerability discourse. Here a) the voluntary risking of injury (sacrifice) as well as b) the vulnerable attitude will be researched in its significance for resilience: Can resilience also be created through vulnerance?
2. Intensification of the scientific exchange with resilience research
Instead of simply being a catchword, resilience becomes an analytical concept if research does not only inquire about vulnerability and resilience but draws in vulnerance as a third category. This new perspective is introduced in resilience research.
3. The analysis of ‘vulnerability, vulnerance, and reslience’ to make the terms useful for survivors of sexual and spiritual abuse
Vulnerability and resilience research has not been researched sufficiently with respect to sexual and spiritual misuse. Theology can contribute to this by reinforcing the resilience of survivors with regard to their increased vulnerability. This project works out the foundations of this.
4. The Vulnerability Dispositif: A Theological and Interdisciplinary Reflection
The continued development of the vulnerability dispositif, which experienced an upswing with the Corona pandemic, will traced for its significance for the placement of theology in interdisciplinary research contexts.
5. To make George Bataille’s approach fruitful for theology
We will examine German-speaking theologians who have been working on Bataille in recent years regarding the question of what Bataille has contributed to the thematic complex of theology and vulnerability and where theology is going beyond Bataille.

3. Projekt 2025–2028: Vulnerabilität, Liminalität, Ritual – ein gesellschafts- und religionsrelevantes Machtgefüge

Die zentrale Forschungsthese des Projekts besagt: Zeiten permanenten Wandels und sich wechselseitig potenzierender Krisen in Religion und Gesellschaft erfordern klare Analysen des dynamischen Machtgefüges von Vulnerabilität, Liminalität und Ritual. Denn Liminalität ist jener turbulente Schwellenzustand, der durch das Zerbrechen tradierter Ordnungen, Hierarchien und Handlungsmuster entsteht und damit gesellschaftliche und (inter-)religiöse Krisen hervorruft. Liminalität konfrontiert mit Unbekanntem, erzeugt Unsicherheit und birgt die Gefahr des vulneranten ‚Othering‘ (Gayatri C. Spivak), die Abwertung der Anderen zwecks Aufwertung des Eigenen. Sie birgt aber auch die Chance, dass sich das Leben von Einzelpersonen, Gruppen und Gesellschaften zu ihrem Vorteil transformiert. Rituale wiederum versuchen, Liminalität zu bewältigen und die Vulnerabilität, die den Schwellenzustand markiert, in bestimmte Bahnen zu lenken. Sie treiben die Transformation, die Krisen erforderlich machen, voran. Dabei können sie die Vulneranzgefahr anheizen (bspw. Kriegsrituale) oder reduzieren (bspw. Versöhnungsrituale); sie können Resilienz schwächen (bspw. Missbrauchsrituale) oder stärken (bspw. Heilungsrituale). Daher ist der Forschungsgegenstand, das prekäre Machtgefüge von ‚Vulnerabilität, Liminalität, Ritual‘, für Religion und Gesellschaft von gravierender Bedeutung. Bislang stehen die entsprechenden Forschungsfelder, die Vulnerabilitäts- und Ritualforschung, jedoch unverbunden nebeneinander. Hauptziel des Projekts ist es daher, ‚Liminalität und Ritual‘ als Schlüsselbegriffe in die Vulnerabilitätsforschung einzuführen und damit erstmals eine tragfähige Brücke zwischen den Forschungsfeldern zu bilden. Seine besondere Bedeutung und aktuelle Relevanz liegen darin, dass es eine differenzierte Analyse des untersuchten Machtgefüges in gesellschaftlichen und (inter-)religiösen Krisen ermöglicht. Damit erweitert es die Vulnerabilitätsforschung erheblich und lässt einen Erkenntnisgewinn von interdisziplinärer Relevanz erwarten. Die geplante Grundlagenforschung untersucht die Machtwirkungen der Vulnerabilität in liminalen Ereignissen und rituellen Prozessen. Sie führt die Ritualtheorie Victor W. Turners (1920–1983) aus vulnerabilitätstheoretischer Sicht kritisch weiter. Zudem wendet sie die Analyse des komplexen Machtgefüges in Gegenwartsfragen an: zum einen in der Krise von Missbrauch, Vertuschung, Aufarbeitung der katholischen Kirche; zum anderen interdisziplinär mit der Analyse gesellschaftlicher und (inter-)‌religiöser Transformationsprozesse an Schnittpunkten von Migration und Religion. Da sich auch hier das Othering als problematische, weil vulneranzsteigernde Strategie erweist, eruiert das Projekt die analytische Kraft, die ‚Inkarnation als Gegenbewegung zum Othering‘ in Problemlagen der Liminalität entfaltet. Damit leistet es einen theologischen Beitrag zur Erforschung des Vulnerabilitäts­dispositivs, das in der Corona-Pandemie entstand und weiterhin an Bedeutung gewinnt.

The project’s main research thesis is that, in times of constant change and mutually reinforcing crises in religion and society, clear analyses of the dynamic power structure of vulnerability, liminality, and ritual are required. Liminality is the turbulent state of transition that arises from the collapse of traditional orders, hierarchies, and patterns of action, thus causing social or (inter)religious crises. Liminality confronts us with the unknown and the alien, creates insecurity and therefore harbors the danger of vulnerant ‘othering’ (Gayatri Chakravorty Spivak), diminishing the value of the other to enhance one’s own. But it also offers the opportunity for individuals, groups, and societies to transform their lives for the better. Rituals, in turn, are designed to cope with liminality and to channel the dangerous vulnerance that characterizes this liminality. They are behind the transformation that crises compel. They can increase (e.g., war rituals) or decrease (e.g,. reconciliation rituals) the threat of vulnerance; they can weaken (e.g., rituals of abuse) or strengthen (e.g., healing rituals) resilience. Thus, this research topic, i.e., the precarious power structure of ‘vulnerability, liminality, ritual’, is of great significance for religion and society. So far, however, the corresponding research fields of vulnerability research and ritual studies have existed side by side without any connection being made between them. The main aim of the project is thus to introduce ‘liminality and ritual’ into vulnerability research as key concepts and thus build a viable bridge between the research fields for the first time. The project’s particular significance and current relevance are that it enables a differentiated analysis of the power structure under investigation in social and (inter)religious crises. It therefore significantly expands vulnerability research and promises a gain in knowledge of interdisciplinary relevance. This fundamental research investigates the power effects of vulnerability in liminal events and ritual processes, critically advancing Victor W. Turner’s ritual theory from the perspective of vulnerability theory. In addition, it applies the analysis of the complex power structure to contemporary issues: to the crisis of abuse, cover-ups, and disclosure in the Catholic Church on the one hand and, in an interdisciplinary way, to the analysis of social and (inter)religious transformation processes at the intersection of migration and religion on the other. Since othering also proves to be a problematic strategy here because it increases vulnerance, the project investigates the analytical power that ‘incarnation as a countermovement to othering’ unfolds in problematic situations of liminality. In doing so, it makes a theological contribution to research into the vulnerability dispositive that emerged in the COVID-19 pandemic and continues to gain in importance.